Medizintourismus Südostasien

In der Printausgabe der Nation vom 16. Juli 2007 fand sich ein interessanter Artikel über die Entwicklung des Medizintourismus in Südostasien. Obwohl der Fokus des Artikels auf Thailands Krankenhäuser liegt, wird auch Bezug auf Singapurs aufstrebende Gesundheitseinrichtungen genommen. Anhand ausgewählter Fälle wird versucht, die Motivation der Medizintouristen zu hinterfragen, Entscheidungsträger der südostasiatischen Gesundheitsindustrie schildern ihre Sicht der Dinge und bewerten ihre Zukunft mit (mutigen) Prognosen. Ein durchaus interessanter und seriös recherchierter Artikel, dem man die unterschwellige Werbung für Thailands Privatspitäler gerne verzeiht.



Thailands Gesundsheitsdienstleister rüsten sich gegen die wachsende Konkurrenz aus Singapur und Indien

Es ist eher ironisch als ungewöhnlich, neben der Rezeption eines privaten internationalen Krankenhauses eine McDonald´s-Filiale zu sehen – denn die hohe Auslastung des Schnellimbisses ist im Vergleich zu dem Gesundheitsanspruch der restlichen Einrichtung eher rätselhaft. Aber dies ist die Realität im globalisierten Geschäft mit der Gesundheit, die den Medizintourismus antreibt.

Letztes Jahr zählten 30 thailändische Privatspitäler einen regelrechten Ansturm von etwa 1,4 Millionen internationalen Patienten (i.e. keine thailändischen Staatsbürger) und erwirtschafteten dadurch einen Umsatz von ฿36,4 Milliarden. Dabei entstammt der Medizintourismus eigentlich einer Krise. Seine Wiege liegt in der Finanzkrise von 1997, die viele Unternehmen – darunter auch zahlreiche Spitäler – auf dem falschen Fuss erwischte. Eines davon war das Bumrungrad Hospital, nun des Landes renommiertester Vertreter in Sachen Medizintourismus. Der Marketingdirektor Kenneth Mays erinnert sich noch gut an den Absturz des thailändischen Baht, der dem Krankenhaus plötzlich einen etwa verdoppelten Schuldenstand bescherte, da die meisten Kredite auf US-Dollar notierten. Außerdem gab es Probleme bei der Amortisierung einer Investition im Wert von US$110 Millionen für einen Neubau angesichts der massiven Abwanderung thailändischer Patienten zu öffentlichen Spitälern. Da die Zukunft des gesamten Betriebes auf dem Spiel stand, zögerte das Management nicht, seine Energie in die Entwicklung des gerade aufkeimenden Marktes für Medizintourismus zu investieren. „Not macht erfinderisch“, meint Mays und fügt hinzu: „ In der Tat haben wir den gesamten Geschäftsplan über den Haufen geworfen“.

Für ein Land, das von vielen aus entfernter, eindimensionaler Sicht als tropisches Paradies für Golf und Sex gesehen wird (erinnern Sie sich an die kontroverse Newsweek-Titelstory(1) von 1999?), hatte Thailand ein Glaubwürdigkeitsproblem wettzumachen – zumindest, was die medizinischen Standards betrifft. Dass es gelang dieses Problem zu überwinden, liegt an den Berichten jener Patienten, welche die Dienste der größeren Privatspitäler Bangkoks in den letzten Jahren in Anspruch genommen haben. Sie können die Qualität dieser Krankenhäuser und deren Kapazität für internationale Wettbewerbsfähigkeit bestätigen.

Der Generaldirektor des Samitivej Hospitals Raymond Chong glaubt, dass thailändische Gesundheitsdienstleister in ihren Fähigkeiten den regionalen Konkurrenten Singapur in Nichts nachstehen und in der Tat bereits nicht wenige Kandidaten für einen chirurgischen Eingriff vom Inselstaat gestohlen haben. Letztes Monat [Anm.: Juni 2007] erhielt das an der Sukhumvit Soi 49 liegende Samitivej Hospital(2) die Zertifizierung der US-amerikanischen Joint Commission International (JCI), was bisher erst dem Bumrungrad Hospital gelang. Das JCI-Siegel versichert potenziellen Patienten den Standard der Leistung, den sie erhalten werden, speziell, wenn die einzigen Informationen für einen Interessenten eine Broschüre oder eine Webseite sind.(3)

Chong meint, dass die JCI-Akkreditierung ohne Zweifel mehr Firmenkunden und Versicherungen anlocken wird und bei der konservativen Prognose von etwa 2 Millionen Medizintouristen dieses Jahr, damit Geschäftsmöglichkeiten reichlich vorhanden sind.

Fremde strömen in Thailands Krankenhäuser aus einer Reihe von Gründen: etwa der Zugänglichkeit, der Kosten und der Qualität wegen. Die westlichen Gesundheitssysteme – egal, ob diese aus Steuereinnahmen finanziert werden oder auf einem Säulensystem der Finanzierung durch den Staat, die Unternehmen und den Arbeitnehmern basieren – sind nahe dem Kollaps oder zumindest in Schwierigkeiten. Und diesen Druck spüren die Versicherten. Edwina Johns, 91, aus Fishguard in Wales, erfuhr kürzlich vom Arzt des National Health Service, dass sie 2 Jahre auf ihre Arthrititsbehandlung warten muss. Mit einer Zahlung von ₤600 (฿40.600) könnte sie allerdings die Warteschlange überspringen. Auf der anderen Seite des Atlantiks stieg derweil Joe Lindsay, 56, aus West Fork, Arkansas, für eine Arthritisbehandlung in ein Flugzeug nach Bangkok. Für den kleinen Eingriff und das Flugticket bezahlte er US$16.200 (฿540.000). Seine Versicherung in den USA schließt die Kosten einer Arthritisbehandlung aus. Für die Behandlung hätte er zwischen US$100.000 und US$150.000 bezahlen müssen.

Da die europäischen Wohlfahrtsysteme(4) mehr und mehr amerikanisiert werden – der frühere britische Premier Tony Blair meinte etwa: „Der Staat stellt Hilfe bereit; die Bürger nutzen diese Hilfe, um sich selbst zu helfen“ – besitzt Thailand gute Chancen, viele der aus dieser Situation resultierenden Gesundheitspilger anzuziehen.

Neben dem Okzident kommen viele Kunden auch aus dem Mittleren Osten, was mehr oder weniger ein Resultat der Attentate des 11. September 2001 ist. Strengere Einreisebestimmungen und die Islamphobie des Mainstreams im Westen, lassen diese finanzstarken Interessenten nach Asien abdriften. Aber Chalermkul Apibunyopas, Chef des Thonburi Hospitals, welches auf den Medizintourismusmarkt drängt, zweifelt daran, dass Thailand eine Spitzenposition im Mittleren Osten langfristig halten kann. „Da Singapur über viele ausländische Mediziner verfügt, geraten wir bedauerlicherweise bezüglich der Qualität der Humanressourcen ins Hintertreffen“, so Chalerm. Als Antwort auf den Konkurrenzdruck durch Thailand und Indien plant die Regierung in Singapur Investitionen von US$974 Millionen in die medizinische Forschung und engagierte McKinsey & Co als Berater für die medizinischen Projekte des Landes. Diese Maßnahmen sollen 2012 eine Million ausländische Patienten nach Singapur locken.

Singapurs Gesundheitsminister Khaw Boon Wan verkündete im Parlament sogar, dass der Stadtstaat Krankenhäuser künftig beim Grunderwerb auf der kleinen Insel bevorzugt behandeln werde. Solche Regierungsinitiativen, von welchen in Thailand bislang nichts zu hören war, stärken das Vertrauen der Investoren. Die Far East Organisation, einer der führenden Bauträger Singapurs und Eigentümer des Fullerton Hotels, hat bereits einen medizinischen Komplex um S$257 Millionen neben dem renommierten internationalen Spital Tan Tock Seng errichtet. Das gute Investitionsklima hat auch Parkway Holdings, Südostasiens Gesundheitsversorger mit dem höchsten Marktwert, dazu bewegt, einen S$765 Millionen schweren Immobilienfonds ins Leben zu rufen.

Die Unterstützung der thailändischen Regierung für den Medizintourismus, etwa Förderung durch internationale Messen, war bislang limitiert, gesteht Chamnan Muangtim, Direktor der Service Promotion der Thailändischen Tourismusbehörde TAT. Ihm zufolge führte der private Sektor schon immer das Gewerbe an.

Da die TAT den Medizintourismus in einen Topf mit den Spas wirft, sind die Privatkrankenhäuser auf ihre eigenen Einrichtungen angewiesen. Glückreiche Spitäler wie das Bumrungrad umwerben erfolgreich Firmenkunden und Versicherungen. Kürzlich wurde ein Vertrag mit einem medizinischen Zentrum in South Carolina abgeschlossen, der den Zugang zu 1,3 Millionen potenziellen Medizintouristen eröffnet.
Über eines sind sich alle Beteiligten im Medizintourismusgeschäft einig: was Thailand fehlt macht es durch seine Gastfreundschaft und die Erschwinglichkeit wett. In der chirurgischen Expertise bewegt sich Thailand nun auch in fortgeschrittene Gefilde, etwa jene der Orthopädie, und ist somit nicht mehr ausschließlich auf die Plastische Chirurgie begrenzt, sagt Chong.

Obwohl die der Druck des Wettbewerbs aus Singapur und Indien wächst und möglicherweise in Südkorea und Taiwan bald neue Konkurrenten auf den Markt drängen, glauben viele Dienstleister, dass die Nachfrage das Angebot übertreffen wird. Vor allem, weil die globale Bevölkerung altert. Man bedenke: Allein in Japan – alternde Skandinavier(5) mal beiseite gelassen – werden im Jahr 2055 drei von fünf Japanern 65 oder älter sein. Und dann sind da noch Milliarden Chinesen und Inder. Zumindest in diesen Dimensionen müssen dies langfristig gute Nachrichten für alle Beteiligten im Medizintourismus sein.

The Nation, 16. Juli 2007

(1) Im erwähnten Artikel der Newsweek äußert sich ein Diplomat anonym über Thailand: „Thailand hat in den Bereichen internationale Finanzen und Handel zwei Wettbewerbsvorteile: Sex und Golfplätze.“ Diese Aussage verursachte nicht nur in Diplomatenkreisen gewaltigen Wirbel und Unstimmigkeiten.

(2) Inzwischen wurden Anteile an allen 3 Krankenhäusern der Samitivej-Group von der marktbeherrschenden Bangkok Hospital-Group übernommen.

(3) In der Tat ist die JCI-Akkreditierung ein Marketinginstrument und spielt eine wichtige Rolle bei Vertragsabschlüssen mit amerikanischen Versicherungsgesellschaften.

(4) Der Autor scheint leider „welfare systems“ und öffentliche Versicherungssysteme zu verwechseln.

(5) Warum gerade Skandinavier ist mir ein Rätsel. Vielleicht sind die Probleme der norwegischen Gesundheitsversorgung gemeint, welche derzeit allerdings durch die Rekrutierung medizischen Personals im Ausland gelindert werden.

Die Tendenz des Artikels ein positives Bild des Medizintourismus in Thailand zu zeichnen, ist nicht von der Hand zu weisen. Vor allem die Kooperation so vieler Entscheidungsträger aus etablierten und aufstrebenden Krankenhäusern macht es nicht leicht, den Spagat zwischen objektiver Recherche und unterschwelliger Werbung mit Eleganz zu vollziehen. Es fiel mir allerdings nicht schwer, darüber hinwegzulesen. Dennoch findet sich explizit die Kritik an der zuständigen Behörde, der TAT. Die beschriebene Problematik beschränkt sich wohl keineswegs rein auf die Förderung des Medizintourismus: grundsätzlich ist anzunehmen, dass Singapurs Regierung stärker regulierend in die Gestaltung des wirtschaftlichen Lebens und die Verteilung der Ressourcen eingreift, als die thailändische Regierung.
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