Medizinflüchtlinge aus Burma

Die Leiden der burmesischen Bevölkerung sind aus westlicher Perspektive schwer einsehbar. Das Regime ist äußerst bedacht darauf, keine Informationen über die wirtschaftliche, soziale, politische oder gesundheitliche Misere der Bürger nach außen dringen zu lassen. In Thailands Krankenhäusern und in nahe der Grenze gelegenen medizinischen Versorgungszentren suchen zahlreiche Medizinflüchtlinge aus Burma nach elementarer und fortgeschrittener Behandlung.



Das Gesundheitssystem in Burma zählt zu den schlechtesten der Welt. Im Jahr 2000 befand die WHO, nur das kriegsgebeutelte Sierra Leone habe eine noch miserablere Gesundheitsversorgung als Burma. Zwar ist es um die medizinische Versorgung im angrenzenden Laos oder im nahen Kambodscha auch nicht viel besser bestellt, aber in Burma ist der Verbreitungsgrad regional typischer Krankheiten besonders hoch. Der Tuberkulose fallen in Burma jedes Jahr etwa 100.000 Menschen zum Opfer. In weiten Gebieten Südostasiens gilt die Malaria als besiegt oder zumindest als stark zurückgedrängt – in Burma kostet die Krankheit jedes Jahr etwa 3.000 Menschen das Leben. Eines von drei burmesischen Kindern leidet an Unterernährung. Die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren liegt bei 105 Todesfällen pro 1.000 Kindern. In Vietnam liegt diese bei 19, in den USA bei sieben Fällen pro 1.000 Kinder. Pro 100.000 Geburten sterben in Burma etwa 360 Frauen, verglichen mit 130 in Vietnam und 17 in den USA.

Die jüngsten Preiserhöhungen in Burma betrafen auch die Gesundheitsversorger. Zwar ist es möglich medizinische Behandlung zu erhalten – diese muss, inklusive Medikamente, aber fast immer selbst bezahlt werden.

Die Bangkok Post berichtet, dass 2006 mehr als 100.000 Burmesen medizinische Hilfe in der 120-Bett kleinen Klinik Mae Tao in Thailand suchten. Lokale und internationale Spenden garantieren dort den Patienten eine kostenlose Behandlung. Etwa die Hälfte der Patienten arbeitet illegal in Thailand. Die andere Hälfte kommt ausschließlich für gesundheitliche Versorgung aus Burma in die nahe der Grenze gelegenen Klinik. Die burmesischen Behörden stellen für solche Besuche Tagesvisa aus. Da diese aber für viele Behandlungen nicht ausreichend sind, sehen sich viele burmesische Patienten gezwungen, die Grenzpolizisten zu bestechen, um länger in Thailand verweilen zu können.

Besonders betroffen von der chronischen Unterfinanzierung der burmischen Gesundheitsversorgung sind die zahlreichen Minderheiten, von denen einige bereits seit Jahrzehnten im Bürgerkrieg mit dem Regime stehen. In diesen Gebieten fehlt es am Notwendigsten. Laut UNICEF versucht die Regierung zwar, unter den Kindern Routineimmunisierungen durchzuführen, die meist entlegenen Minderheitenregionen kommen aber kaum in den Genuss solcher Programme.

Nach einer Studie der John Hopkins University fließen jährlich nur etwa drei Prozent des Budgets in die burmesische Gesundheitsversorgung bzw. –vorsorge. Das Militär allerdings erhält 40 Prozent des Budgets. Burmas Bevölkerung ist also auf ausländische Hilfe angewiesen und es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass das burmesische Gesundheitssystem praktisch von ausländischen Zuwendungen alleine leben muss. Angesichts dessen ist es tragisch, dass Japan – ohnehin Burmas wichtigster Spender – die Zusage für eine Finanzspritze in der Höhe von mehreren Millionen US$ nach der Erschießung eines japanischen Journalisten während der jüngsten Demonstrationen zurückzog.

Etwa 90 Prozent der 54 Millionen Burmesen lebt von nur US$1 pro Tag. Damit zählt Burma zu den 20 ärmsten Ländern der Erde. Nur eine sehr kleine Minderheit kann sich medizinische Behandlung im Ausland überhaupt leisten. Diese Minderheit wird allerdings zusehends interessanter für Thailands Privatspitäler. Während eines von uns im Februar 2007 organisierten Orthopädieseminars in Rangun, entdeckten wir großflächige Plakate und Schilder, die tt:Bangkok renommierteste Privatspitäler bewerben. Das Seminar selbst diente dazu, burmesischen Spezialisten die neueren Entwicklungen der orthopädischen Chirurgie näherzubringen und Kontakte zwischen den Ärzten zu initiieren. Die Veranstaltung wurde auch von ca. 80 Frauen und Männern mit orthopädischen Beschwerden besucht. Die teils mitgebrachten CT- und MR-Bilder waren allerdings von solch schlechter Qualität, dass es den Chirurgen oft nicht möglich war, auf deren Grundlage eine valide Diagnose zu treffen. Fast zu einer Farce gerieten die Interviews für das burmesische Staatsfernsehen, da ich meine Texte mehrmals ändern musste.
Personal information





Remember your information?
Comment

Alle HTML-Tags außer <b> und <i> werden aus Deinem Kommentar entfernt.
URLs oder Mailadressen werden automatisch umgewandelt.

About

DaNoi schreibt über Medizintourismus. Über Entwicklungen, Behandlungen, Standards, Krankenhäuser, Personal, Patienten, Tücken und die Kehrseite des boomenden Marktes. No-NoFollow ist für sachdienliche Kommentare Ehrensache.

Archive

01 Okt - 31 Okt 2007
01 Nov - 30 Nov 2007
01 Dez - 31 Dez 2007
01 März - 31 März 2008
01 Mai - 31 Mai 2008

Neueste Kommentare

Jan (Samitivej Hospita…): super krankenhaus,klasse …
Jörg (Samitivej Hospita…): Riesenladen, Super Servic…
Jörg (Bumrungrad Hospit…): Großer Laden, hoher Quali…
Manfred Wallraff (Mythos Farang): Das Wort =Farang= finde i…

Miscellany

Powered by Pivot - 1.40.4: 'Dreadwind' 
XML-Feed (RSS 1.0) 
XML: Atom Feed 

Themen

A total of 31 (5) posts have been made of which: