Entwicklung der westlichen Medizin in Thailand
Medizinischer Fortschritt unter der Chakri Dynastie
Westliche Therapiekonzepte haben im modernen Thailand die traditionellen Methoden thailändischer Heilkunst weitgehend verdrängt. Im Jahre 1767 drangen die Burmesen in das Königreich des alten Erbfeindes Siam ein und zerstörten die Hauptstadt Ayutthaya vollständig. Die Zerstörung war derart umfassend, dass dabei fast alle Kulturschätze der Stadt zerstört wurden. An den Wänden der Tempel befanden sich kunstvoll ausgestatte Anleitungen zu Dehnungsübungen, Aufbau der Muskulatur und Massagetechniken sowie Rezepte für die Herstellung von Arzneimitteln. Doch ähnlich der Literatur des Königsreichs Ayutthaya ging auch dieses Wissen nicht gänzlich verloren sondern wurde über Generationen von Mönchen auch mündlich tradiert.
1782 kam in der neuen Hauptstadt Bangkok (th. Krung Thep) mit König Buddhayodfa Chulalok dem Großen (Rama I, 1782-1809) die noch heute herrschende Chakri-Dynastie an die Macht im Königreich Siam. Unter seiner Herrschaft wurde der Wat Pho (Wat th. Tempel) renoviert und im Stil des alten Ayutthaya wieder mit Malerei über traditionelle Heilmethoden verziert. Auch das bereits in Ayutthaya existierende Institut für Pharmazie (th. Krom Mo Rong Phra Osoth) wurde von ihm in Bangkok wieder gegründet. Ärzte im königlichen Dienst hießen Mo Luang, Ärzte, welche die Bevölkerung behandelten Mo Ratsadorn oder Mo Chaloei Sak (Mo th. Arzt).
König Buddhaloetla Naphalai (Rama II, 1809-1824) rief alle mit der Heilkunst vertrauten Experten in seinem Reich auf, Rezepte für Arzneien vorzubringen. Seine Ärzte schrieben die vielversprechensten Rezepte in den königlichen Formeln für königliche Pharmazie (Tamra Luang Samrab Rong Phra Osoth) nieder. 1816 ermächtigte König Naphalai seine Ärzte, im ganzen Reich nach Heilkräutern zu suchen, ohne dass dagegen jemand Einwand einlegen konnte.
König Nangklao Chao Yu Hua (Rama III, 1824-1851) lies Wat Ratchaorasaram renovieren und Rezepturen für traditionelle Tinkturen und Arzneien in steinernen Platten und Säulen rund um den Tempel anbringen. Ebenso wurde Wat Phra Chetuphon neu gestaltet und auf marmornen Platten fanden sich Texte über Ursachen und Therapien von Krankheiten. Im Garten des Tempels wurden seltene Kräuter gepflanzt, die von den Ärzten studiert und zu Medizin verarbeitet wurden. Wat Phra Chetuphon gilt deshalb als erste Open University Thailands.
Unter der Herrschaft König Nangklao beginnen westliche Methoden in Siam Fuß zu fassen. Vor allem die Prävention von Infektionskrankheiten war dem König ein Anliegen. Der amerikanische Missionar Dr. Dan Beach Bradley kam 1835 nach Siam und initierte ein Impfprogramm gegen Pocken. Mo Bradley, wie ihn die Siamesen nannten, unterrichtete die königlichen Ärzte in der Kunst der Pockenprävention und diese dehnten das Programm auf Beamte und die Zivilbevölkerung aus.
1849 verwendete mit Dr. Samuel Reynolds House ein weiterer amerikanischer Missionar das erste Mal Äther als Anästhetikum in Siam.
Während der Regentschaft von König Mongkut (Rama IV, 1851-1868) öffnete sich Siam weiter westlichen Einflüssen. Ein Schritt in diese Richtung war die offizielle Teilung des Gesundheitswesens in traditionelle und westliche Medizin. Neben anderen Missionaren war Dr. House auch unter König Mongkut weiterhin tätig und konzentrierte sich auf die Prävention und Eindämmung der Cholera. Und obwohl nun auch westliche Methoden in der Geburtshilfe eingesetzt wurden, war unter der Bevölkerung des alten Siams die Popularität der traditionellen Medizin ungebrochen.
Bis 1888 gab es in Siam keine ortsfesten Krankenhäuser. Man beschränkte sich vielmehr darauf, temporäre Behandlungseinrichtungen in Epidemiegebieten zu errichten und diese Krankenstationen nach dem Ende der Seuche wieder zu entfernen. 1886 initierte König Chulalongkorn (Rama V, 1868-1910) ein Kommittee zur Gesundheitsversorgung der ärmeren Bevölkerungsschichten unter Vorsitz seines Bruders Prinz Siriwachsangkat. 1888 erfolgte mit der Eröffnung des Siriraj Hospitals ein weiterer wichtiger Schritt für die Entwicklung der öffentlichen Gesundheitsversorgung in Siam. Das Krankenhaus wurde nach dem an der Ruhr verstorbenen Sohn des Königs, Prinz Siriraj Kakuttaphan, benannt. Bereits 1889 wurde am Sirirat Hospital traditionelle und westliche Medizin gelehrt und in den folgenden Jahren auch publiziert. 1896 finanzierte Königin Sri Patcharintara Boromarachininart die Errichtung einer Schule für Geburtswesen am Sirirat Hospital. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde schließlich eine eigenständige Abteilung innerhalb des Krankenhauses mit der Prävention und Bekämpfung von Seuchen für die Provinzen ausserhalb Bangkoks betraut.
1911 erfolgte die Gründung des King Chulalongkorn Memorial Hospitals, finanziert durch Mittel des Sapha Unalom Daeng (das spätere Thailändische Rote Kreuz) und Kofinanzierung durch König Vajiravudh (Rama VI, 1910-1925). Ein Jahr später eröffnete das Pasteur Institut in Bangkok, das sich auf die Prävention und Bekämpfung der Tollwut konzentrierte. 1916 erfolgte unter Leitung von Prinz Chainat Narenthorn eine Revision der medizinischen Ausbildung, die ein Mehr an klinischer Praxis aber eine Streichung der traditionellen Medizin mit sich brachte. Man betrachtete die beiden Lehrrichtungen als inkompatibel und unvereinbar. Ausserdem hatte man große Schwierigkeiten gut ausgebildetes Lehrpersonal für traditionelle thailändische Medizin zu finden. Durch den 1923 erlassenen Medical Practice Act wurden traditionelle Mediziner zwar nicht von der Durchführung von Behandlungen ausgeschlossen, doch die Beschränkung der Behandlung Kranker durch zugelassene Mediziner erschwerte die tägliche Praxis der Heilkundler.
Vater der thailändischen Medizin
Der Vater des thailändischen Königs Bhumibol Adulyadej gilt gemeinhin auch als Vater der modernen Medizin in Thailand. Prinz Mahidol Adulyadej war das jüngste Kind von König Chulalongkorn und Königin Savang Vadhana. Er kam 1892 zur Welt und eine Kindheit verlief ebenso traditionell wie unspektakulär. Mit 13 erhielt er den Titel Prinz von Songkla und trat gemäß der Tradition als Novize in den Wat Bovornnivet ein. Nach seiner Ausbildung an der Harrow School in England ging Prinz Madihol auf Wunsch seines Vaters, den seit seines Besuchs in Berlin 1897 eine Freundschaft mit Kaiser Wilhelm II. verband, an die Königlich Preussische Militärakademie in Potsdam. Dort zeigte er sich besonders von den geistes- und naturwissenschafltichen Fächern angetan und verfolgte diese mit großem Eifer.
Nachdem er mit 18 seine Ausbildung in Potsdam abschloß, ging er für weitere 2 Jahre an die Kaiserliche Militärakademie nach Berlin und promovierte dort 1912, um anschließend seine Ausbildung an der Deutschen Marineakademie in Flensburg fortzusetzen. Als er zu Beginn des Ersten Weltkriegs in das anfänglich neutrale Siam zurückkehrte, war er von seinem Bruder König Vajiravudh bereits zum Leutnant der Königlich Thailändischen Marine ernannt worden.
Während seines Dienstes in der Marine folgte der junge Prinz einer Einladung seines Halbbruders Prinz Rangsit, der Rektor der Medizinischen Fakultät am Siriraj Hospital war, zu einer Bootstour durch das damals noch an Kanälen reiche Bangkok. Der Besuch der Medizinischen Fakultät während dieser Tour sollte der Überlieferung zufolge eine schicksalhafte Begegnung für den Prinz werden. Bereits am hölzernen Bootssteeg behandelten Studenten ankommende Patienten. Auf dem Gelände der Fakultät traf der Prinz die zahlreichen Kranken, die mangels geeigneter Unterkunft ihren Aufenthalt im freien unter Tamarindenbäumen wählen mussten. Er unterhielt sich mit den Patienten, erkundigte sich um ihre Herkunft und Beschwerden. Schließlich betrat er die restlos überfüllten Patientenräume, die in Beschaffenheit und Geruch mehr an Ställe erinnerten. Besonders betroffen zeigte sich der Prinz beim Anblick der pädiatrischen Station; Dutzende kranker Kinder lagen am bloßen und verschmutzten Boden, zwischen dessen Holzlatten sich breite Spalte auftaten. Ergriffen von der Betroffenheit des Prinzen bat der Rektor diesen um Hilfe. Prinz Mahidol zeigte sich unsicher und betonte, dass er vom medizinischen Wesen wenig verstand. Der Rektor teilte dem Prinzen mit, dass auch er keine medizinische Ausbildung habe, sondern nur hier sei, um den Menschen so gut wie möglich zu helfen. Prinz Mahidol verlies darauf hin schweigend das Gelände der Fakultät. Drei Tage später wandte er sich schriftlich an den Rektor und sicherte ihm seine Unterstützung zu, sobald er eine medizinische Ausbildung genossen habe.
Der Besuch der Fakultät war ein Wendepunkt in Prinz Mahidols Leben und von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der Gesundheitsversorgung in Siam und dem künftigen Thailand. Der Prinz sollte die treibende Kraft der klinischen Praxis, medizinischen Forschung und in der Pflege werden.
Prinz Mahidol wählte erst Edinburgh University in Schottland für seine Studien. Da den selbst gesundheitlich labilen Prinzen das schottische Wetter allerdings zu schaffen machte, reiste er bald nach Boston, um sich dort als Mr. Mahidol Songkla an der renommierten Harvard University in Humanmedizin einzuschreiben. Auch am Massachusets Institute of Technology (MIT) belegte er Kurse.
Um seinen Plan die Krankenhäuser und die medizinische Fakultät in seiner Heimat zu unterstützen umzusetzen, finanzierte Prinz Mahidol und seine Mutter Königin Savang Vadhana vier jungen Landsleuten in Studium in Harvard. Unter diesen Studenten war auch die 18-jährige Sangwan Talabhat, die am Simmons College Pflegewissenschaften studieren wollte und drei Jahre später Prinz Mahidol heiraten wird. 1921 entschloss sich die Rockefeller Foundation Siam in der Entwicklung des medizinischen Lehrbetriebs zu unterstützen und Prinz Mahidol wurde mit der Führung der Verhandlungen betraut. 1923 kehrte er schliesslich nach Bangkok zurück und wurde Leiter der Hochschulsektion im Unterrichtsministerium. Unter seiner Aufsicht entstanden neue Lehrpläne, Laboratorien und Unterrichtsräume. Auch die medizinischen Instrumente wurden durch Ankäufe aus Übersee umfassend modernisiert. Er lehrte selbst an der medizinischen Fakultät und spendete Blut.
Der engagierte Prinz musste allerdings noch sein Studium in den USA beenden. Da er zu dieser Zeit unter Nierenbeschwerden litt, reiste er zuerst nach Heidelberg, um sich dort behandeln zu lassen. In Heidelberg bekam seine Frau 1925 ihren ersten Sohn Anandha Mahidol, den späteren König Rama VIII. 1927 wurde in Cambridge, Massachusets, der derzeitige Regent König Bhumibol Adulyadej geboren. Ein Jahr später schloss Prinz Mahidol sein Studium summa cum laude ab und nahm seine Lehrtätigkeit am Siriraj Hospital wieder auf. Seine Position in der Thronfolge der Chakri-Dynastie verwehrte ihm allerdings ein Praktikum im Krankenhaus. Er umging darauf hin seine eigenen Privilegien, indem er sich als Arzt in Chiang Mai nieder ließ und in der nordthailändischen Stadt Kranke behandelte. Am McCormick Hospital operierte er Patienten gemeinsam mit Dr. Court, dem Leiter des Missionarskrankenhauses. Als er in Bangkok der Trauerfeier seines Onkels beiwohnte, verschlechterte sich sein Zustand abermals. Neben seiner Nierenkrankheit litt Prinz Mahidol nun auch an einem Leberabzess und er konnte nicht mehr nach Chiang Mai zurückkehren. Prinz Mahidol von Songkla starb am 24. September 1929 im Sapathum Palast.
Die Arbeit des Prinzen war von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der modernen Medizin in Thailand. Mediziner, die mit seinen Stipendien in Übersee ausgebildet wurden, trieben die Entwicklung und Anwedung moderner Methoden an und gründeten neue Lehrstühle. Im Andenken an Prinz Mahidol und dessen Leistungen für das Königreich, wurden 1969 die Medizinische Universität Bangkoks in Mahidol University und jene im Süden in Prince of Songkla University umbenannt.
Das Gesundheitsministerium entschloß sich während der Regentschaft von König Prajadhipok (Rama VII, 1925-1934), die zwei medizinischen Fachrichtungen formell zu trennen:
Moderne Mediziner waren ab nun solche, die ihr Wissen aus international anerkannten und wissenschaftlich fundierten Quellen bezogen und ihre Kunst entsprechend ausrichten. Im Gegensatz dazu üben traditionelle Mediziner ihre Kunst auf Basis von Beobachtung und mündlicher Überlieferung über Generationen hinweg aus. 
Das Erbe des Prince of Songkla
Während der Herrschaft König Ananda Mahidols (Rama VIII, 1934-1946), dem ältesten Sohn des gleichnamigen Prinzen, weitete sich ab 1942 der 2. Weltkrieg auch auf Südostasien aus. Für Thailand, das sich anfangs auf die Seite der Achsenmächte schlug, bedeutete dies vor allem eine Knappheit an Medikamenten. In der Not besann man sich auf die Erkenntisse der traditionellen Medizin und förderte die Erforschung und Entwicklung von Medikamenten aus Heilkräutern. Auch nachdem Thailand den Krieg auf Seiten der Allierten beendete und Bhumibol Adulyadej (Rama IX) nach dem mysteriösen Tod seines Bruders 1946 das Zepter übernahm, hielt der Mangel an Medikamenten an und das Programm zur Förderung traditioneller Medizin wurde fortgesetzt. Der vom Volk überaus verehrte Monarch gilt auch ausserhalb Thailands als die treibende Kraft hinter der Modernisierung des Landes. Der naturwissenschaftlich ambitionierte König initiierte und begleitete zahlreiche Projekte zur Verbesserung der Situation der ländlichen Bevölkerung. Neben der Forcierung von Innovationen in Technik und Landwirtschaft bemühte er sich, die Gesundheitsversorgung auf westliches Niveau anzunähern. Seine Verdienste in diesem Bereich sind derart zahlreich, dass an dieser Stelle nur die herausragendsten Erwähnung finden. Dazu zählen etwa eine Auszeichnung der WHO in 1992 und eine weitere der International Commission on Iodine Deficiency Disorder Control für seine Leistungen auf dem Gebiet der Vorsorge gegen Jodmangel. Wie der König sind weitere Mitglieder der königlichen Familie in Hilfsprojekten tätig. Königin Sirikit ist die Präsidentin des Thailändischen Roten Kreuzes und zahlreicher weiterer Hilfsorganisationen, Kronprinz Vajiralongkorn ist Präsident einer Stiftung, die Trägerin von 21 Bezirksspitälern in den Provinzen ist und Prinzessin Sirindhorn unterstützt Ernährungsprogramme für Kleinkinder.
Auch wenn die Leistungen der Chakri-Dynastie für die Verankerung moderner Medizin in Thailand und die Verbesserung der Gesundheitsversorgung vor allem für die ländliche Bevölkerung unzweifelhaft wertvoll waren und sind, sozialpolitisch verschleppten thailändische Regierungen Reformen über lange Zeit. So kam es erst 1975 zu einer Unterstützung einkommensschwacher Familien im Krankheitsfall (Free medical care for the Poor).
Während Thailänder noch vor wenigen Jahrzehnten für jede Behandlung selbst zahlen mussten, sofern sie nicht im Staatsdienst standen, existiert nach mehreren Reformen über die letzten 20 Jahre hinweg ein ausgeprägtes Wohlfahrts- und Versicherungssystem im Gesundheitsbereich. Besonders in der Zeit des rapiden Wirtschaftswachstums Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre wurden entscheidende Fortschritte für ein Sozialversicherungssystem kontinentaleuropäischer Prägung erzielt. Federführend in diesem Prozess waren westlich geprägte Politiker wie Premierminister Chainat (1988 – 1991), die geschickt den Einfluss der dominanten und reformresistenten Militärs zurückdrängen konnten. Während dieser Zeit entwickelte Thailand eine moderne Sozialgesetzgebung, die Privatangestellten einen Mindestschutz im Krankheits- und Invaliditätsfall sicherte. Die von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Regierung finanzierte Versicherung beinhaltet bereits auch Leistungen für Mutterschaft und Hinterbliebene im Todesfalle eines Versicherten.
Diese Entwicklung ist auch eine Lehre der Krise von 1997, die zahlreiche Familien ins Elend stürzte und die Selbstmordrate sowie die Zahl an psychosozialen Erkrankungen sprunghaft anstiegen ließ.
|